Aktuelles
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum kranialen rhythmischen Impuls.
Nachlese zum Vortrag von Dr. med. Johannes Mayer auf der MWE-Jahrestagung 2026
Beitrag von Martin Lorenz, Oberammergau
„Das Tasten war nicht falsch – aber die Erklärung…“
Vom mechanischen zum neurovaskulären Modell
Der Vortrag von Dr. Johannes Mayer zum Cranial Rhythmic Impulse (CRI) stellte ein zentrales Erklärungsmodell der kranialen Osteopathie zur Diskussion. Der entscheidende Punkt ist nicht mehr, ob unter der palpierenden Hand ein Rhythmus wahrgenommen werden kann. Für ein physiologisch objektivierbares Rhythmusphänomen liegen inzwischen belastbare Messdaten vor. Neu bewertet werden muss vielmehr seine Ursache. Nicht die postulierten rhythmischen Bewegungen der Schädelknochen, Suturen, Membranen und des Liquors stehen im Vordergrund.
Die Forschungsgruppe des BPS-Projekts (biopsychosoziale Forschung) unter Leitung von Prof. Holger Pelz hat autonom regulierte Oszillationen von Gefäßtonus, Hautdurchblutung und Mikrozirkulation sowie deren Kopplung an zentrale Regulationsnetzwerke nachgewiesen. Dr. Mayer, selbst Osteopath und Mitglied des Teams, stellte diese Ergebnisse auf der MWE-Jahrestagung vor. Die Arbeitsgruppe erkannte darin eine physiologische Erklärung des CRI und wies ihn als eigenständiges, am ganzen Körper palpatorisch abgreifbares Rhythmusphänomen nach.
Der geforderte Paradigmenwechsel muss für die Osteopathie keinen Verlust darstellen. Die palpatorische Beobachtung kann bestehen bleiben, während ihre historische mechanische Deutung ersetzt wird.
0,15 Hz – ein Organisationsband, keine starre Sollfrequenz
Besondere Aufmerksamkeit gilt einem intermediären Frequenzband von etwa 0,12 bis 0,18 Hz, häufig als 0,15-Hz-Rhythmus bezeichnet. In älteren Tierexperimenten wurden entsprechende Rhythmen in der retikulären Formation des unteren Hirnstamms beschrieben. Beim Menschen fanden sich korrespondierende autonome Rhythmen sowie neuronale Korrelate in Netzwerken der Interozeption. Ein retikuläres Hirnstammnetzwerk ist damit ein plausibles Erklärungsmodell für die zentrale Koordination, auch wenn ergänzende Mechanismen wie Baroreflexschleifen weiter diskutiert werden.
Die 2023 in Scientific Reports publizierte Studie des BPS-Projekts ist für die osteopathische Praxis besonders relevant. Zwei erfahrene Osteopathen markierten bei 25 gesunden Probanden die palpierte CRI-Phase mit einem Fußschalter, während gleichzeitig die Stirndurchblutung mittels Photoplethysmografie (PPG) erfasst wurde. Die palpierte Frequenz korrelierte mit den objektiven Gefäßoszillationen. Bei 77 % zeigte sich ungefähr eine 1:1-Beziehung zu einer langsamen Komponente um 0,072 Hz, bei 23 % eine 2:1-Beziehung zu einer dominanten Oszillation um 0,147 Hz. Harmonische beziehungsweise ganzzahlige Frequenzbeziehungen fanden sich in mehr als 98 % der palpatorisch ausgewerteten Intervalle.
Damit wird zugleich verständlich, warum Osteopathen seit Jahrzehnten unterschiedliche CRI-Raten beschreiben. Die verschiedenen Frequenzen müssen nicht verschiedene Phänomene darstellen, sondern können Ausdruck eines gekoppelten Systems aus Grundrhythmus, Ober- und Unterschwingungen sein. Gerade deshalb sollte 0,15 Hz derzeit nicht als therapeutische Maxime verstanden werden. Möglicherweise ist nicht eine einzelne Frequenz entscheidend, sondern die Fähigkeit des autonomen Systems, flexibel zwischen Zuständen zu wechseln und sich geordnet zu koppeln.
Die Handanlage verändert messbare Physiologie
In den Folgearbeiten wurde untersucht, ob die kraniale Handanlage selbst autonome Reaktionen auslöst. Während eines Cranial Vault Hold (CVH) veränderten sich bei gesunden Probanden Frequenzverteilung und Amplitude der Hautperfusion. In der kontrollierten PLoS-One-Studie von 2025 unterschieden sich die Reaktionen auf CVH von der klassischen osteopathischen Kompression des 4. Ventrikels (CV4) und von Sham-Bedingungen. CV4 zeigte wiederum andere autonome Effekte. Damit ist gezeigt, dass definierte kraniale Handanlagen messbare physiologische Antworten hervorrufen können. Noch nicht gezeigt ist, dass genau diese Antworten bei Erkrankungen therapeutisch relevant sind.
Wer synchronisiert wen?
Ein besonders spannender Punkt betrifft die Richtung der Kopplung zwischen Probanden und Therapeut. In der publizierten Arbeit von 2023 ließ sich bei einer Untergruppe eine Synchronisation erkennen. Die Richtung konnte damals jedoch nicht sicher bestimmt werden.
Nach den auf der MWE-Jahrestagung vorgestellten neueren, noch nicht publizierten Auswertungen verhält es sich offenbar anders als ursprünglich angenommen: Der Proband gibt den Rhythmus vor, der Therapeut folgt.
Dr. Mayer bestätigte mir dies in einem persönlichen Gespräch am 28.09.2026. Bis zur Publikation sollte dieser Befund ausdrücklich als persönliche Mitteilung gekennzeichnet werden.
Therapeutisch wäre das eine wichtige Verschiebung. Der Behandler wäre zunächst nicht Taktgeber, sondern Wahrnehmender eines vom Patienten vorgegebenen autonomen Systems. Die Aufgabe könnte künftig weniger darin bestehen, einen Rhythmus vorzugeben oder eine vermeintliche Knochenfehlstellung zu korrigieren, sondern die vorhandene Regulationsdynamik zu erfassen und ihre Anpassungsfähigkeit gezielt zu beeinflussen.
Was könnte daraus therapeutisch folgen?
Ein zukünftiges kraniales Therapiekonzept müsste sich daher nicht an der Frage orientieren, welcher Knochen sich in welche Richtung bewegt, sondern an der Funktion eines gekoppelten autonomen Systems: Wie variabel ist der Rhythmus? Wie stabil oder flexibel sind die Kopplungen? Wie reagiert das System auf einen definierten manuellen Reiz?
Es wäre denkbar, dass die Pathologie nicht durch eine einzelne ‚falsche‘ Frequenz, sondern durch reduzierte Variabilität, mangelnde Anpassungsfähigkeit oder dysfunktionale Kopplungsmuster gekennzeichnet ist. Das ist derzeit eine Arbeitshypothese, aber eine objektiv prüfbare.
Auch die innere Vorstellung des Therapeuten könnte dabei Bedeutung gewinnen. Palpation ist keine rein passive Messung. Schwache sensorische Signale werden mit Aufmerksamkeit, Vorwissen und Erwartung verarbeitet. Wenn sich der Behandler nicht mehr auf eine hypothetische Knochenbewegung, sondern auf ein tatsächlich messbares Regulationsphänomen konzentriert, könnte sich auch seine sensorisch-motorische Interaktion verändern. Ob ein physiologisch zutreffenderes inneres Modell zu besseren klinischen Ergebnissen führt, ist nicht belegt, wäre aber eine interessante Forschungsfrage.
Klinische Evidenz: noch kein Freibrief
Die neue Physiologie darf nicht mit einem Wirksamkeitsnachweis verwechselt werden. Eine Meta-Analyse von 2024 schloss 24 randomisierte Studien mit insgesamt 1.613 Teilnehmern ein und fand bei der Auswertung der primären Endpunkte keine konsistenten signifikanten Effekte bisheriger craniosacraler Techniken. Das bleibt für die bisherige klinische Praxis relevant. Gleichzeitig beantwortet diese Meta-Analyse nicht die neue Frage, ob eine künftig an objektiven autonomen Rhythmus- und Kopplungsmustern ausgerichtete Diagnostik und Therapie bessere Ergebnisse erzielen kann. Die Technik mag äußerlich ähnlich aussehen. Das therapeutische Ziel und die Messung des Behandlungserfolgs wären jedoch grundlegend anders.
| Blick über den Tellerrand: zustandsabhängige Neuromodulation durch zentral implantierte Neurochips bei neurologischen Krankheitsbildern Eine vorsichtige konzeptionelle Parallele findet sich in der modernen Neuromodulation, die in der aktuellen Ausgabe des Fokus Nr. 50 vom 25.09.2026 als Revolution im Gehirn getitelt wird. Zentral implantierte Neuro-Chips zur Adaptive-Deep-Brain-Stimulation und responsive Neurostimulation erfassen fortlaufend physiologische beziehungsweise neuronale Aktivitätsmuster und passen die elektrische Stimulation an den aktuellen Zustand eines Netzwerks an. Dies darf nicht als mechanistische Gleichsetzung mit der kranialen Osteopathie verstanden werden: Implantierte Elektroden wirken direkt elektrisch auf neuronale Strukturen, während für manuelle Techniken ein solcher Wirkmechanismus nicht gezeigt ist. Interessant ist allein das übergeordnete Prinzip: Nicht eine starre anatomische Struktur wird ‚korrigiert‘, sondern ein dynamisches Regulationssystem wird zunächst erfasst und anschließend zustandsabhängig beeinflusst. Sollten sich beim CRI reproduzierbare pathologische autonome Muster definieren lassen, könnte dieses Prinzip für die weitere Forschung anregend sein. |
Fazit
Der kraniale Rhythmus lässt sich heute als reales physiologisches Rhythmusphänomen begreifen. Die Daten des BPS-Projekts (biopsychosoziale Forschung) unter Leitung von Prof. Holger Pelz zeigen eine enge Beziehung zu autonom regulierter Mikrozirkulation und zu gekoppelten physiologischen Rhythmen. Zentrale Regulationsnetzwerke sind daran beteiligt. Die jüngsten, noch nicht publizierten Auswertungen, nach denen der Proband den Rhythmus vorgibt und der Therapeut folgt, passen bemerkenswert gut zu einem solchen Regulationsmodell.
Für die Manuelle Medizin und Osteopathie erhöht dies die Bedeutung der palpatorischen Wahrnehmung des CRI. Gerade dadurch gewinnt sie an physiologischer Plausibilität, weil das unter der Hand wahrgenommene Phänomen mit objektivierbaren autonomen und mikrozirkulatorischen Rhythmen in Beziehung gesetzt werden kann. Neu bewertet werden muss daher nicht die Palpation selbst, sondern vor allem ihre historische ossär-mechanistische Erklärung. Jede therapeutische Berührung erzeugt Afferenzen und damit sensorischen Input in das Nervensystem. Manuelle Therapie ist insofern nie ausschließlich mechanische Einwirkung auf Gewebe, sondern immer auch Interaktion mit einem komplexen sensorischen und autonomen Regulationssystem. Die neueren Untersuchungen zum CRI könnten einen weiteren Baustein liefern, um diese Wechselwirkungen zwischen Berührung, Wahrnehmung, Mikrozirkulation und autonomer Regulation physiologisch besser zu verstehen.
Im begleitenden Workshop von Dr. Mayer bei der MWE-Jahrestagung wurde dieser Ansatz auch praktisch aufgegriffen. Der CRI wurde über beide Schulterregionen als wechselnde fluidale Außen- und Innenrotation palpatorisch verfolgt und vor und nach manuellen Interventionen miteinander verglichen. Solche Beobachtungen sind derzeit noch keine validierten diagnostischen Kriterien. Sie zeigen jedoch einen pragmatischen Weg, das wissenschaftlich beschriebene Rhythmusphänomen palpatorisch erfahrbar zu machen und daraus überprüfbare Fragestellungen für die weitere Forschung abzuleiten.
Die nächste Forschungsphase muss nun zeigen, ob sich charakteristische pathologische Rhythmus- oder Kopplungsmuster zuverlässig identifizieren lassen, ob sie durch definierte manuelle Reize reproduzierbar modulierbar sind und vor allem, ob solche Veränderungen mit einer klinisch relevanten Besserung bestehender dysfunktionaler Syndrome einhergehen. Erst wenn sich neben einer überzeugenden Physiologie auch reproduzierbare pathologische Befunde und ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen therapeutischer Modulation und klinischem Ergebnis nachweisen lassen, kann aus diesem Regulationsmodell ein evidenzbasiertes diagnostisches und therapeutisches Konzept reifen.
Literatur
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- Mayer J. Persönliche Mitteilungen an den Autor, 28.09.2026 und Oktober 2026; ergänzend Vortrag und Workshop auf der MWE-Jahrestagung 2026. Noch nicht publizierte Auswertung zur zeitlichen Kopplung Proband-Therapeut sowie praktische Hinweise zur palpatorischen Erfassung des CRI.
- Horn A, Neumann WJ. From adaptive deep brain stimulation to adaptive circuit targeting. Nat Rev Neurol. 2025;21:556-566. doi:10.1038/s41582-025-01131-5.
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