Aktuelles
70 Jahre MWE
Rückblick und Ausblick
Wagen wir einen Blick in die Vergangenheit, um aus Geschichte zu lernen. Wie jede Nation hat auch eine Gesellschaft speziell das Ärzteseminar für Manuelle Wirbelsäulen- und Extremitätentherapie ein Narrativ, das sich aus Fakten , aber auch Mythen entwickelt hat.
Viele Ärzte hatten in den 1940 er Jahren mit Kriegsverletzungen und deren Folgebehinderungen zu tun und die Effizienz von Handgrifftechniken kennengelernt. Als Initialzündung der Entwicklung der Manuellen Medizin in Deutschland können praktische Kontakte von deutschen Ärzten mit Chiropractoren nach dem 2. Weltkrieg angesehen werden. Bei den Ärzten handelt es sich durchaus um hochrangige Vertreter der Chrurgie wie z.B. Prof Zukschwerdt ( Ordinarius in Hamburg ab 1951 ), der sich in dem Buch „Wirbelgelenk und Bandscheibe“eingehend mit der manuellen Medizin beschäftigte und Vortrage über Chiropraktik bereits in den frühen 50 –iger Jahren hielt.
So hat auch Karl Sell (Weiterbildung an der orthopädischen Universtätsklinik Gießen) – der Gründer der MWE- über 3 Monate mit einem US – Chiropraktor zusammengearbeitet und in Selbstversuchen mit gesetzten Traumata ( Distorsionen und Kontusionen) die Wirksamkeit der Handgrifftechniken beobachtet und neue Techniken entwickelt.1953 begann er mit der Durchführung von Fortbildungskursen im kleinen Rahmen mit einer Dauer von 14 Tagen in Isny Neutrauchburg. Peu a peu wurden weitere Kurse durchgeführt, die nach dem 4. Kurs auch mit Betreuung eines Patienten und Prüfung abgeschlossen wurden.
Die damals als chiropraktische Techniken bezeichneten Behandlungen waren Gegenstand vieler Facharzt- Tagungen und auch der von bis zu 5000 Teilnehmern besuchten Therapiewoche in Karlsruhe.
Der Schwerpunkt lag auf der praxisorientierten Lehre und der Vermittlung der optimalen Technik mit empirischen Ansatz. Frühzeitig kam es zu Kontakten mit den Vertretern der im Dezember 1953 in Hamburg gegründeten FAC, die sich anfangs den Namen :“ Forschungs- und Arbeitsgemeinschaft für Chiropraktik “ gab. Die Entwicklung der FAC mit ihren Leistungsträgern hatte eine große Bedeutung für die Manuelle Medizin und führte zur Gründung einer Klinik für Manuelle Medizin in Hamm und einer Lehrstätte in Boppard. Als Gründungsjahr der MWE gilt das Jahr 1954. Die Implementierung erfolgte als dynamischer Prozess innerhalb des Lehrbetriebes.
Es gab viele Bemühungen der Zusammenarbeit zunächst der beiden deutschen Seminare und bald auch international. So fand bereits 1958 ein viertägiger Kongress für manuelle Therapie in Baden in der Schweiz statt. Weitere folgten in Paris und London. Die 1. Generallversammlung war 1965, die zur FIMM führte .Der letzte Kongress 2023 in Sydney beschäftigte sich mit den manigfaltigen Aspekten des low back pain. Die MWE und die FAC schlossen sich im September 1958 zur „Arbeitsgemeinschaft der ärztlichen Gesellschaften für manuelle Therapie“ zusammen, die 8 Jahre später zur DGMM (Deutsche Gesellschaft für Manuelle Medizin ) umbenannt wurde. Nach der Wiedervereinigung 1989 konnte die dann als ÄMM ( Ärztegesellschaft für Manuelle Medizin bezeichnete) bezeichnete Gesellschaft der „neuen Bundesländer “ integriert werden.
Die gemeinsamen Aktivitäten erwiesen sich nach etlichen ausgetragenen Differenzen als sehr produktiv und erfolgreich. Bereits am 15.11. 1955 wurde ein Antrag auf Berechtigung zur Führung der Bezeichnung „Chiropraktik“ gestellt. Es war ein langer Weg bis zur Anerkennung der gezielten Behandlung der reversiblen segmentalen oder artikulären hypomobilen Dysfunktion durch die Ärztekammern. Der Weg war gekennzeichnet durch Skepsis und Widerstand vor allem im Fachbereich der klinischen Orthopädie.
Erst beim 9.Deutschen Ärztetag im Mai 1976 wurde die Zusatzbezeichnung (heute Zusatzweiterbildung ) Chirotherapie bzw.heute Manuelle Medizin/ Chirotherapie eingeführt mit den dann festgelegten Abrechnungsziffern der gKV und pKV. Die große Nachfrage nach der curriculären Weiterbildung ließ das Kursangebot und die MWE als Ärzteseminar stark anwachsen. Nach der erfolgreichen Phase des Wachsen zu einer der größten Ärztegesellschaften mit einer Mitgliederzahl von über 4000 , die geprägt und geformt wurde durch den langjährigen Vorsitzenden der MWE Hans- Peter Bischoff, wurde die bereits in den 50 er Jahren gepflegte Fokussierung auf die wissenschaftlichen Aspekte intensiviert durch Kontakte zu Grundlagenforschern und organisierten Tagungen und Symposien, die der jetzige Vorsitzende Hermann Locher einleitete und fortführte.
Dies erbrachte die wissenschaftliche fundierte Basis des Erklärungsmodells der funktionellen Störungen und beschreibt den neuromuskulären Pathomechanismus, was den veralteten Begriff der Subluxation der frühen Chiropraktoren endgültig abgelöst hat.
Die Manuelle Medizin ist in Deutschland unverzichtbarer Gegenstand der ärztlichen Weiterbildung in Form der historisch begründeten Vermittlung innerhalb eines curriculären Systems. Dies hat den Vorteil, dass approbierte Ärzte und Ärztinen unter Anleitung durch intensive praktische Übungen die z.T. komplexen Bewegungsabläufe bei Durchführung der optimalen Techniken erlernen, wie sie durch digitale Medien nicht erreicht werden können.
Die mit der MWE eng verbundene „Deutsch-Amerikanische Akademie für Osteopathie (DAAO e.V.), die in diesem Jahr vom 13.- 14. November in Andernach am Rhein ihr 25 – jähriges Bestehen feiert ,gab unserem Seminar wichtige Impulse, die in den USA praktizierten Techniken zu integrieren.
Die Weiterbildung bietet ebenso osteopathische Verfahren an, wie Positionierungs- und Muskelenergietechniken, das myofasciale Release und viscerale Techniken.
Genauso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – ist das Training der Palpation, was bei der körperlichen Untersuchung, die heutzutage oft zu kurz kommt , wesentlich zur sicheren Diagnose und richtigen Indikationsstellung ist. Bei den überaus häufigen Schmerzsyndromen des Bewegungssystem funktionellem Ursprungs wie z.B. beim low back pain hat dies eine große Bedeutung für das heute finanziell angespannte Gesundheitswesen und kann unnötige Therapiepfade und ein overtreatment vermeiden.
Die Effektivität kunstgerechter manueller Therapie hat damals die Altvorderen überzeugt, diese Handgrifftechniken in die ärztliche Arbeit zu implementieren. Diesen Auftrag gilt es, an jüngere Kollegen und Kolleginnen weiterzugeben. So steht die MWE kurz vor einem Generationswechsel, den unser Ausbildungsleiter Horst Moll mit umsichtiger Hand moduliert.
Es werden neue verantwortungsbewusste Lehrer*innen und Funktionsträger*innen die Gesellschaft weiterführen und dafür eintreten, dass die Manuelle Medizin der Goldstandard für die Diagnostik und Therapie der Funktionsstörungen bleibt. Die MWE ist berufspolitisch, wissenschaftlich und in der Lehre gut aufgestellt. Dies möge für die nächsten Jahrzehnte auch so bleiben.
Autor: Michael Frey