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Fallbeispiel 7

Die Röntgendiagnostik ist nicht immer eine sichere Methode

Anamnese:

42-jähriger Patient stellt sich erstmals am 6.4.2011 mit Nackenbeschwerden vor. Vor 6 Wochen sei eine Zahn-OP durchgeführt worden, bei der er längere Zeit in verkrampfter Stellung den Nacken überstreckt gehalten habe. Ein behandelnder Osteopath schickt den Patienten, da er eine hypomobile Funktionsstörung bei C2 rechts nicht lösen könne. Die Beschwerden hätten trotz osteopathischer Behandlung weiterhin zugenommen. 

Untersuchungsbefund am 6.4.2011

Stark verspannte kurze Halsstrecker und Sternocleidomastoideus re. Es findet sich ein klassischer Blockierungsbefund bei C2 rechts mit Rechtsrotation- und Lordosierungsempfindlichkeit. Die am gleichen Tag durchgeführte Röntgenaufnahme zeigt einen kompletten Normalbefund. Es erfolgt Behandlung der rechtsrotationsempfindlichen Blockierung bei C2, wobei es schon bei Aufnahme der Vorspannung zur Lösung der Blockierungssituation kommt. 

Der Patient empfindet danach eine Erleichterung mit deutlicher Zunahme der Beweglichkeit, die Schmerzen bestünden jedoch weiterhin. 

2 Tage später, am 8.4.2011, stellt sich der Patient erneut vor, die Beschwerden hätten so stark zugenommen, dass sich der Kopf kaum noch bewegen ließe und dass die Schmerzen kaum noch aushaltbar seien. Eine Untersuchung des Patienten ist kaum noch möglich, da jede Bewegung des Kopfes hochgradig schmerzhaft ist und die Palpation der Nackenmuskulatur extreme Beschwerden auslöst. 

Da ich eine derartige Schmerzsymptomatik mit höchstgradig angespannter Nackenmuskulatur in dieser Weise in 30-jähriger Tätigkeit noch nicht erlebt habe, habe ich umgehend mit der Neurochirurgie der der Universitätsklinik Kontakt aufgenommen und den Patienten  eingewiesen. 

Die dort durchgeführte Kernspintomographie zeigte ein mit Tumorgewebe durchsetzten Dens axis mit hochgradigem Verdacht auf ein Plasmozytom des Dens. Dieser Befund bestätigte sich dann in der Histologie. Schon am Montag, den 11.4.2011 wurde der Patient operativ versorgt, wobei eine Verschraubung von C1 und C2 durchgeführt wurde (s. postoperative Röntgenbilder). 

Fazit:

Die Röntgendiagnostik ist nicht immer eine sichere Methode zum Ausschluss von Tumorabsiedlungen in den Wirbelkörpern. Auch Schmerzen, die durch einen Tumor in der Wirbelsäule ausgelöst werden, können zu Muskelverspannungen und begleitenden Blockierungen führen. Ungewöhnliche Reaktionen auf ein manualtherapeutisches Manöver und über das normale Maß hinausgehende Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule sollten mit weiterführenden, bildgebenden Verfahren, wie Kernspintomographie oder CT, umgehend abgeklärt werden.

 

Autor: Dr. Thomas Hartmann