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Fallbeispiel 6

Ein besonders akuter und schwerer Fall von craniomandibulärer Funktionsstörung

Schneidermeisterin, dreißig Jahre. in Elternzeit.

Vorgeschichte: 

Anamnese: Seit 4 Tagen starke Schmerzen im Bereich des linken und auch rechten Kiefergelenkes. Mundöffnung noch maximal 1 cm Schneidezahnabstand. Essen kaum noch möglich. Schmerzen beim Kauen und Verspannungsgefühl in der Kaumuskulatur.

Ende April 2012 wird ein Sturz beim Skifahren mit Axialstauchung und Verdrehung der Halswirbelsäule berichtet. Unmittelbar nach dem Sturz kaum Beschwerden. In den Wochen danach beginnende Verspannungen im Nacken und immer wieder überhaupt erstmalig Auftreten von Knacken in den Kiefergelenken beim Kauen. Seit 2 bis 3 Monaten erstmalig auch Schmerzen im Bereich der Kiefergelenke und der Kaumuskulatur bemerkt. Eine zahnärztliche Untersuchung sei ohne pathologischen Befund geblieben. Der Hausarzt habe bereits einen Therapieversuch mit Akupunktur vor allem wegen Nacken- und Kopfschmerzen durchgeführt, was aber ohne nennenswerten Effekt geblieben war.

Befund: Globale HWS-Rotation 80 – 0 – 80°. HWS-Rotation in maximaler Inklination        10 – 0 – 5°, hier beidseitig deutliche endgradige Schmerzen provozierbar. Aufgehobene Beweglichkeit des Atlas in allen Tests. Starke bilaterale Druckdolenz über den Atlasquerfortsätzen im Sinne segmentaler Irritation. Keine freie Richtung, Hypomobilität für C1/2 und auch hier mäßige Irritation. Periphere Neurologie unauffällig. Deutliche Tonusvermehrung im M. Masseter links ausgeprägter als rechts. Einzelne Triggerpunkte im M.temp oralis links. Pterygoidei deutlich druckdolent beidseits. Kieferköpfchenventralgleiten, bei voller Mundöffnung beidseits unmöglich. Mundöffnung nach 1 cm Schneidezahnabstand schmerzhaft blockiert. 

 Röntgen: 

Obere HWS in 2 Ebenen: Kein Hinweis auf frische oder ältere Verletzung, symmetrischer Atlas dens Abstand beidseits.

In der ap. Aufnahme keine degenerativen Veränderungen.

Diagnose:

Schwere persistierende posttraumatische Atlas- und auch C2-Dysfunktion mit reaktiven cervicodorsalen Myotendinosen und cervicogenen Kopfschmerzen

Reaktive ausgeprägte Störung der temporo-mandibulären Beweglichkeit und Störung der Mastikationsfunktion auf dem Boden cervico-trigeminaler Convergenzen

Therapie:

Initial Suboccipital Release und sehr zurückhaltende Atlasmobilisierung. Dann 5 Tage NSAR, Therapie mit Diclofenac 50 mg 1 – 0 – 1 Tabl. unter Magenschutz. Nachfolgend wieder Querdehnungen der suboccipitalen Muskulatur und der Kaumuskulatur, Kiefergelenksmobilisierung und Atlasmobilisierung sowie nach Erhalt der freien Richtung Atlasmanipulation mit Lösungsphänomen. 

Befundkontrolle nach 10 Tagen: Subjektiv dramatische Besserung der Symptome. Mundöffnung wieder fast vollständig. Ventralgleiten des Mandibulaköpfchens beidseitig noch leicht eingeschränkt mit jedoch deutlicher Verbesserung im Vergleich zum Initialbefund. HWS-Rotation in Inklination seitgleich 30 – 0 – 30°. Endgradig noch leichte Beschwerden. Es wird noch mal muskelentspannend und mobilisierend behandelt. Pilates-Gymnastik und  Yoga werden wieder aufgenommen.

Bei der Kontrolluntersuchung am 25.11.2012 sind sämtliche Beschwerden verschwunden einschließlich Kopfschmerzen und Nackenschmerzen und die freie Kaufunktion ist wieder hergestellt. Das Knacken hat aufgehört.

Kommentar:

Es ist von einer traumatischen ausgeprägten Atlasdysfunktion auszugehen, die im Verlauf der folgenden Wochen zur klinischen Symptomatik Kopfschmerz/Nackenschmerz geführt hat und die im vorliegenden Fall im besonderer Weise über die cervico-trigeminalen Konvergenzen zu einer reaktiven motorischen Dysfunktion einschließlich artikularer Hypomobilität und Triggerpunkten in  der Kaumuskulatur geführt hat. Entscheidend war die Funktions- und Irritationsanalyse im Bereich der Kopfgelenke. Zahnmedizin und Kieferorthopädie konnten keine strukturellen Befunde im Fachgebiet beisteuern. Wegen einer erheblichen Sensibilisierung des Systems und weitestgehendem nicht mehr Vorhandensein schmerz- inhibitorischer Potenziale war eine Vorbehandlung mit Diclofenac notwendig.

Autor: Dr. med. H. Locher